Bilder/Images

Markus Binner & Simon Starke zeigen:

Ich bin mir nicht sicher

angewandtes Lesen und flying Malevich

 

Glaskasten vorm Mojo Club

Reeperbahn 1

Eröffnung: donnerstag, 26.9.96, 22 Uhr

sonst zu besichtigen: Tag und Nacht, mehrere Wochen

Aus der Zusammenarbeit von Markus Binner und Simon Starke ist ein neues Projekt hervorgegangen: Ich bin mir nicht sicher, Arbeiten für einen der bezaubernden, 15qm (!) großen Glaskästen an einer der delikatesten Adressen Deutschlands: Reeperbahn 1.

Aufgedonnerte Buchstabenfragmente und ein fliegendes Brett - beides auf den Scheiben angebracht - werden so von hinten angeleuchtet, daß auch die Straße was davon hat. Am Tag kann man sich das Kleingedruckte anschauen, Fotos und Gezeichnetes mit Gedrucktem.

Die vier begehbaren Glaskästen vor dem Haus Reeperbahn 1 sind in dem Zustand, in dem sich auch die Umgebung befindet: auf der Kippe zwischen Verfall und munterer Nutzung, bis das Abriß-Ende kommt.

Die Qualität dieser Vitrinen erstrahlt durch unseren Eingriff (Putzen + spärliche Ausgestaltung + gute Beleuchtung) in ungewohnter Frische. Das macht sich gut vor dem China-Restaurant (neben dem Mojo). Unsere Vitrine ist zudem nicht zugestellt, bleibt eben innen leer.

Die relativ großen Fensterarbeiten an den Längsseiten wirken durch das Schwarz verhältnismäßig zurückhaltend, was in dem knackigem Ambiente ersteinmal überrascht — oder untergeht. Uns ist an dieser Zurückhaltung gelegen. Deswegen gibt es auf der einen Schmalseite auch noch eine Art Pinwand mit Zetteln, Plakat und Fotos. Das ist dann zum Stehenbleiben, Näherrangehen und Lesen.

Den beiden Scheibenarbeiten ist in der Konzeption das gleiche Verfahren gemeinsam: Leerstellen anbieten: wie sind die Multiletters auszulesen, wie vervollständigt sich die ufoartige Konfiguration. Die Antworten sind obsolet bzw. ein Spiel mit Möglichkeiten bzw. eine Aufforderung zur eigenen Schreib-/Lesetätigkeit.

Angesichts der Präzision in der Einzelarbeit bereitet der Ausstellungstitel mehr Freude, wenn man Text und Autor auseinanderhält.

Dieses Projekt auf dem Kiez steht in einer Reihe von Versuchen, unterschiedlichste Austellungsorte aufzutun, um immer neue und interessante Varianten des Herzeigens praktizieren zu können. Der Spaß ist dann ein doppelter: zum einen die Erarbeitung von Kunst, zum anderen die Präsentation (+ Party). Freundliche Unterstützung, in diesem Fall durch Oliver vom Mojo Club oder Oliver Soulas, ist dabei dann nicht unwesentlich.

Nach einer recht umfangreichen Ausstellung im Ulmer Roxy (ehemalige Lagerhallen, heute Kunst und Kulturzentrum, 1 1/2 Hallen mit zus. 320 qm Fläche, in Kooperation mit den Hamburger Künstlern Stefan Panhans und Alexander Rischer) ist dies hier jetzt eine radikale Reduktion an Aufwand. Und eine merkwürdige Form von Kunst im Öffentlichen. Dem kleinen Ulm eine große Sache, der Großstadt erstmal eine kleine. Das Nächste soll dann eine Präsentation in der Info-Box Berlin und eine Galeriegeschichte in Niederbayern direkt an der Grenze zu Österreich sein.