Bilder/Images

Markus Binner & Simon Starke
zeigen Sachen von Hamburger Künstlern:
Markus Binner, Stefan Panhans,
Alexander Rischer und Simon Starke.

11.09. bis 28.09.96
18 bis 24 Uhr
Eröffnung am 11.09. um 20.30 Uhr
ROXY, Ulm
11.09, 22.30 Uhr Konzert:
Stücke von Dodo Schielein

 

Der Franzose sagt, l’appétit vient en mangeant, und dieser Erfahrungssatz bleibt wahr, wenn man ihn parodiert, und sagt, l’idée vient en parlant. Kleist, Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden

Wir bieten hier eine Ausstellung mit vier Hamburger Künstlern (und Gästen), wovon zwei die Sachen auch noch aufbauen und hängen. Das wird mit Sorgfalt gemacht, denn keiner will hier die dicke Nummer schieben.

Jeder verfolgt schon seit Jahren sein Ding und ist damit am arbeiten. Da gehören die Fragen und Probleme des Herzeigens einfach mit dazu, außerhalb, aber auch innerhalb von Ausstellungen. Die Verwackler zwischen Künstler- und Kuratorentätigkeit sind dabei dann durchaus erwünscht und beabsichtigt: lieber ein bißchen weniger Halt, da das mehr Freude macht.

Im Einzelnen gibt es:
Typographieavantgarde von Markus Binner, angewandtes Lesen als Schreibprozeß am Computer, Plakate mit Buchstaben, die einen Text ergeben, Verstottertes, multifunktionale Buchstabenfragmente, Drehbücher.

Punkfolklore von Stefan Panhans, Mädchen mit Bärten, Selbstgepfiffenes auf CD, Stricklieselwürstchenknoten: Existentialismus als Konzept.

Recherchismus von Alexander Rischer, Pseudovollständigkeit als Polaroidserie, vergnügte Sturheit, Fotos von Kirchen als Profanbauten, Architekturpläne als Endlosmuster.

Privatistischer Minimalismus von Simon Starke, lyrische Knetplastiken, Filzstiftmalerei, anekdotische Fotografie, , Mißverständnisverbesserungen.

Eine Generallinie gibt es für diese Kunstschaffenden nicht. Ihre Differenzen können nur über die Art des Showaufbaus plausibel werden. Gemeinsamkeiten betreffen die Ausschlüsse: kein Formalfundamentalismus, keine Verheldung, keine Dummheiten, keine Humorlosigkeit.

Eine Fotoserie aus Ulm und der Ulmer Umgebung - ein Gemeinschaftsprojekt der Beteiligten - bildet so eine Art Klammer, wobei völlig ungeklärt bleibt, was da eigentlich geklammert werden könnte und warum, hat halt einfach auch Spaß gemacht.

Ulms Kulturzentrum ROXY hat Kino, Disko, Trinkstätten, Musikaufführungsdurchführungen und ein Ausstellungsetablissement: Industriehallenflair, 320qm Ausstellungsfläche und einige nette Tücken. Schwierigkeiten gibt es nicht — sie erfordern nur einen besonderen Umgang. Und das heißt für uns: sein Bier auch in der Halle trinken, dabei sitzen können und das ganze in gepflegtem Ambiente (dank der Mühe der Mobiliarerfinder).

In der Ausstellung gibt es einen Zettel, mit dessen Hilfe man in die Lage versetzt wird, die ausgestellten Arbeiten mit dem Namen ihres Herstellers in Verbindung zu bringen. Kleinere Sachen werden auch zum gleich Mitnehmen zu kaufen sein.

Super Service also alles in allem!

 

 

 

Markus Binner: Für Bernadette

Kurzer Text zur Schrift "Bernadette", zu Aspekten ihrer Entwicklung und Anwendung und zu verschiedenen Gegenständen/Produkten, bei deren Herstellung sie Verwendung fand. Er will nicht Darstellung, sondern Beispiel für eine Arbeitsweise sein, eine Fläche/Folie spannen.

Der Franzose sagt, l’appétit vient en mangeant, und dieser Erfahrungssatz
bleibt wahr, wenn man ihn parodiert, und sagt, l’idée vient en parlant.1

"Bernadette" ist als eine Schrift konzipiert, die keine Fixierung von Text zuläßt. Als poetisches Verfahren verstanden bedeutet dies, "Mehrdeutigkeit" in den Schriftentwurf selbst einzubauen: Jedes Schriftzeichen repräsentiert gleichzeitig mehrere Buchstaben, umgekehrt stehen für jeden zu schreibenden Buchstaben immer verschiedene Zeichen zur Wahl. (Dem gewählten Zeichen wiederum sind unterschiedliche Buchstaben zuzuordnen.)

Es ist außerordentlich wie wenige und wie viele Möglichkeiten es
gibt irgend etwas zu erzählen hören Sie sich selbst zu und Sie werden
etwas von allem darüber wissen und wie wenige und doch wie außerordentlich
vielfältige Möglichkeiten des Zuhörens es gibt oder des Zuhörens müde werden.2

Um diese Kombinatorik möglich zu machen, habe ich als Vorlage eine geometrisch bestimmte Schrift mit einem eng gefaßten Formenrepertoire gewählt, und zwar die 1927 von dem Münchener Paul Renner entworfene Futura, eine Schrift, die bis heute häufig und aus immer wieder anderen Gründen in sämtlichen Medien Anwendung findet.

Man muß sich verdeutlichen, daß die Erfindung des Alphabets eine
abstrakt-konstruktive Leistung ist.(...) Die im Alphabet manifeste
Isolierung von Einzellauten entspricht nicht den beim Sprechen tatsächlich
verwendeten Phonemen — ihre Zahl ist weit größer... .(...) Durch
die Konstruktion des Alphabets ist der Buchstabe zum Elementarteilchen
nicht nur der Schrift, sondern auch der Literatur, und der Poetik geworden.3

Die Zeichen meines Schriftentwurfes sind aus Elementen von lateinischer Schrift im Allgemeinen entwickelt. In Anlehnung an geometrische Grundformen bestehen sie aus Viertelkreis, Strich und Schrägstrich, sowie Kombinationen daraus. Der leitende Gesichtspunkt bei Konstruktion und Auswahl ist dabei die Polyfunktionalität/Mehr- deutigkeit des entstandenen Zeichens, d.h. seine Fähigkeit, mehrere Buchstaben zu bezeichnen.

Philip Coueignoux hat die Buchstaben in Elemente zerlegt und dazu
Soft- und Hardware gebaut, die die Buchstaben aus diesen
Elementen zusammensetzen. Die exakte Schriftwiedergabe — betrachtet
man einen größeren Querschnitt von Schriften — läßt Wünsche offen.
Die Vorteile des Coueignoux-Formats liegen in dem geringen Speicherbedarf.4

 

"Bernadette" ist als Font für den Personalcomputer entworfen, nähert den Lese- dem Schreibprozeß an. Im Zuge der Verbreitung des PCs ist — erstmals auch in Deutschland — ein durch alle Bevölkerungsschichten gehendes Interesse an Typografie entstanden, da mit wenig Aufwand Satzschriften von jedem genutzt weren können. "Bernadette" ist auf einer MS-DOS formatierten Diskette als Fonts für Macintosh, MS-DOS und Windows sowie NeXT und Unix/Linux Betriebssysteme gespeichert.

Und gerade weil sie prinzipiell Verbesserbares entwerfen, faszinieren die neuen gadgets als Perfektionsmedien; (...) So findet man die eigenen Texte ja schon deshalb gut, weil sie nicht mit ungelenker Handschrift zu Papier gebracht werden, sondern mit elektronischer Akkuratesse auf dem Bildschirm erscheinen. Ähnlich frönen schon die kleinsten Kinder der Lust, korrekte Buchstaben schlicht dadurch anzuschreiben, daß sie auf die Tasten des Keyboards schlagen. Wer macht sich nicht lustvoll zum Servomechanismus seines PCs, wenn dieser ihm die Herrschaft über die Schrift vorspiegelt—5

Um für verschiedene Betriebssteme identische Fonts mit der gleichen Tastaturbelegung zu generieren, ist es nötig gewesen, aus den 93 möglichen Zeichen, 84 durch den ASCII-Code bestimmbare Zeichen auszuwählen. Ich habe mich für die jeweils charakteristischen Zeichen entschieden. Die Mehrfachbelegung der Tasten habe ich räumlich festgelegt, z.B. der Umschalttaste - auf der Schreibmaschine auch Hochstelltaste genannt - die obersten Elemente des jeweiligen Buchstabens zugeordnet.

schon sehr früh habe ich entdeckt daß das wort wert als wort wert auf der tastatur liegt auch zu & as & klö & wer & qwer & er & pü auch der chines das wärs wärs liegt weit auseinand daßs kaum fassen kannst 6

Die 120 Zeichen gliedern sich in 25 verschiedene Typen. Im Uhrzeigersinn auf drei Zeilen angeordnet bilden sie das Motiv einer Übersicht der Schrift. Dieses Motiv benutze ich mehrfach: auf einer Postkarte, rückseitig ein kurzes hinführendes Zitat von Jan Tschichold, als knappe Vorstellung der Schrift,

auf einem in einem Kugelschreiber rotierenden Kunstoffröhrchen bietet es die Möglichkeit zu horizontalem und verikalem Lesen und auf einem Siebdruck (DIN a4, schwarz bzw. hellblau) als systematischer Teil, als Musterblatt einer Reihe. ...die Buchstaben von Moses erfunden worden seien. Sie wird damit begründet, daß nur ein Stotterer die Wörter in Laute zerlege und nur ein solcher auf die Idee der Lautzeichen kommen konnte.7

Für einen Druck im Format von 48 x 66cm in schwarz und orange verwendete ich einen Paragraphen aus Velimir Chlebnikovs ‘Wir, die Vorsitzenden des Erdballs’. Die Zeichen wählte ich, um möglichst viele, vielfältige semantische Möglichkeiten und verschiedene Leserichtungen auf dem Textfeld zu erhalten.

Eine Neuerung im Grundbesitz einführen, indem vereinbart wird, daß die im Besitz einer Einzelperson befindliche Fläche nicht kleiner als die Erdoberfläche sein darf.8

Die beidseitig schwarz bedruckte Banderole von 10,5 x 84,1cm gliedert sich in sechs ungleiche Felder, deren Größe sich aus den DIN Formaten ableitet. Der Ausgangspunkt des Textes bildet das Wort einst, eine Besonderheit des Deutschen, eine Vokabel, die ohne grammatikalische Konstruktion Vergangenheit und Zukunft ausdrücken kann. Die restlichen Zeichen leitete ich aus sprachstatistischen Untersuchungen ab. Sie stellen die am häufigsten vorkommenden Buchstaben in den am häufigsten auftretenden Buchstabenkombinationen dar, so gruppiert, daß sie in die Textfelder passen.

Die ersten zehn Buchstabenfolgen im Deutschen (einschl. ihrer Umkehrung) bilden mithin bereits ein Drittel aller Buchstabenverbindungen überhaupt; die ersten 20 machen fast die Hälfte, die ersten 40 genau Zweidrittel aus. Von den theoretisch denkbaren und statistisch auf dem Erhebungsbogen vorgeplanten 900 Möglichkeiten (30 x 30) waren 576 verschiedene Verbindungen vorgekommen das sind 64 Prozent. Ein Drittel der vorgesehenen Felder blieb leer.Der Beliebtheitstest für die deutschen Lautzeichen endete mit einem eindeutigen Sieg des "E", das ein Drittel aller Verbindungen an sich riß.9

 

 

Literaturangaben:

 

1 Kleist, Heinrich von: Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden, In: Kleist, Werke. München 1970, S. 810

2 Stein, Gertrude: Erzählen. Frankfurt/Main 1971, S. 62

3 Mon, Franz: Text wird Bild wird Text, In: Keine Figur. Hg. v. Peter Weiermair, Frankfurt/Main 1986, S. 7

4 Karow, Peter: Digitale Speicherung von Schriften. Hamburg 1986, S. 92f

5 Bolz, Norbert: Chaos und Simulation. München 1992

6 Geerken, Hartmut: Mappa. Spenge 1988, S. 179

7 Tchichold, Jan: Ursprung und Formwandel unserer Lautzeichen, In: Jan Tschichold, Werke, Hg. von Günter Bose u. Erich Brinkmann, Berlin 1992, S. 211

8 Chlebnikov, Velimir: Wir, die Vorsitzenden des Erdballs, Vorschläge, In: Velimir Chlebnikov, Werke, Hg. von Peter Urban, Reinbek 1985, S. 230

9 Meier, Helmut: Deutsche Sprachstatistik. Hildesheim 1967, S. 337