essen
offenes Labor
Markus Binner und Jan-Peter Voß


Essen ist ein Ort für Kunst, Wissenschaft und Politik. Eine Stätte des Wunderns, des Forschens und der Produktion, des Zeigens, des Wahrnehmens und der Diskussion.

Essen ist ein Ort, an dem gegessen wird, nicht nur um satt zu werden, sondern um zu erkunden wie wir essen, wie wir essen können und wie wir essen wollen. In unterschiedlichen Formaten wird probiert, wie Kochen, Essen und Schmecken Beziehungen entstehen lässt, wie es Unterschiede aufwirft und Gemeinschaft stiftet. Über das Essen erforschen wir kollektive Existenzweisen. Wir experimentieren mit dem Wechselspiel der Mittel, aus denen sich Leben formt: Wir laden ein zu Lebens-Mittel-Experimenten.

Essen wird ein Raum, der von denen hergestellt wird, die in ihm etwas machen. Das sind unterschiedliche Personen: Kiezbewohnerinnen, Kinder, Migrantinnen, Aktivistinnen, Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen. Der Raum bringt Koch- und Esskulturen zusammen. Er bringt nicht nur die Nachbarschaft an einen Tisch. Er öffnet und weitet sich in kulinarischen Straßenfesten und Workshops, Einladungen zu Vorträgen und Kunstabenden, Schmecksalons und Kochaktionen mit Kindern. Der Raum durchmischt, irritiert, erprobt und überwindet Grenzen des Essens durch das Essen. Ein Raum für Gemüse und Tiere, Suppen und Klopse, Löffel und Töpfe, Hitze und Kälte, Zungen und Zähne, Bauch und Hirn, Kultur und Wissenschaft, Lust und Politik – und all das, was daraus entstehen mag.

Essen steht im Zentrum einer Zeit, in der Hipster Foodies sind und Köchen Verdienstkreuze verliehen werden, in der Fertigpizzentiefkühlregale länger werden und Feinkostläden aus dem Boden schießen, in der transnationale Konzerne Food-Design betreiben und Politikerinnen die Ernährungswende voranbringen, in der Schulen kochen lehren und Philosophinnen die Ethik und Ästhetik der Nahrung erörtern. Künstlerische und sozialwissenschaftliche Reflektion hinkt dem Ganzen eher hinterher. Aber das ändert sich. Dafür soll Essen ein Forum sein.

Über Jahrtausende zielte die abendländische Zivilisation darauf, Körper und Geist voneinander zu trennen. Die große Gewaltenteilung der Moderne verläuft zwischen Natur und Kultur, Objekt und Subjekt. So kann homo sapiens sapiens sich als Krone der Schöpfung verstehen: Der Mensch als Wesen der Ideen, der Abstraktion, der Sprache, der Logik, des Verstandes und der Kalkulation. So sagt es die Philosophie, so machen es Kapitalismus und Technikwissenschaft. Aber ‚sapere‘ bedeutet nicht nur wissen, auch schmecken. Wissen durch schmecken? Wie läuft das ineinander? In der ‚sozialen Praxis‘ verbinden sich Bedeutung, Sinn, Materie und Körper. Hier spielen sie zusammen, hier stellen sie her.

Essen als soziale Praxis, was heißt das? Eine Kuppelstelle von Welt und Selbst, von Machen und Denken: sinnvolles Tun. Im Kochen, Essen und Schmecken verändert sich die Welt und
unser Selbst. Kochen ist gestalten, essen ist zuwenden und zu sich nehmen, schmecken ist deuten. Mensch und Umwelt laufen ineinander: belebte Materie, materielles Leben. Homo sapiens sapiens: der schmeckend wissende Mensch. Eingebundenes Dasein.

So begründet Essen Interessen. Es ist eine Angelegenheit von Belang, stellt uns hinein in die Welt, macht aufmerksam, bewegt und bindet, ruft Anteilnahme und Neigung hervor. Essen geht uns an, es macht uns was, weil es was mit uns macht. Im Essen sind wir dabei, nehmen wir Teil an der Welt. Kochen, Essen und Schmecken als Form von Politik?

Als Material der Kunst sind Lebensmittel ein relativ billiges, leicht zugängliches und gut vermittelbares Medium. Dennoch widersetzt sich ihre begrenzte Haltbarkeit und die Wahrnehmung durch Verzehr der Produktion von Arbeiten mit Warencharakter. Essen ist Prozess. Essen ist situiert. Esskunst ist flüchtig. Sie wird ko-produziert durch die Essenden. Die Erfahrung ist das Exponat und sie gehört den Essenden. Teilhabe und Kooperation sind konstitutiv für die Kunst des Essens.

Unser Ansatz über das Experiment lässt Alltag, Kunst, Wissenschaft und Politik konstruktiv ineinander geraten. Gestalten, ausprobieren, versuchen, prüfen, testen – Forschen mit offenem Ausgang. Dabei interessiert uns mehr das Wissen, das in Mietshausküchen schlummert, als besonders aufwendige Techniken oder hochpreisige Produkte zu verwenden. Uns erfreut das Besondere, das sehr Nahe und das Fremde im Zugänglichen. Wir wollen eine Belebung des
Essdiskurses, nicht vornehmlich die Verfeinerung des Geschmacks.

Die konkreten Aktivitäten, in denen wir mit der Praxis des Essens und daraus erwachsenden gesellschaftlichen Formen experimentieren, haben regelmäßig stattfindende Formate wie

· Der „Schmecksalon“, ein Colloquium (und: Cosensium) zur Praxis und zum Diskurs des Essens mit ausgewählten Schwerpunkten, z. B. Migration des Geschmacks: Kochen und Essen am Ort, in Bewegung und dazwischen, Grenzen des Essens: Wo es einfach nicht geht – was man nicht essen kann, will oder soll, Sprechen und Schmecken: Sind Geschmäcker Zeichen, bedeuten sie was – wer sagt das?

·„Kunstabende“ von Markus Binner z. B. mit Bittermenus: Ergebnisse jahrelanger Forschung zum abgelehnten und widerständigen Geschmack, mit Speisekarten als Form der Kunst: Texte auf Speisekarten zu denen gekocht wird als Rutsche ins Gespräch am Teller.

· „Versuche im gustatorischen Sprachraum“ von Jan-Peter Voß. Ein Workshop zum interpretativen Kochen und Essen. Haben Lebensmittel Bedeutung? Wie geht es, Geschmackszeichen zu finden und welche zu setzen? Können wir eine Sprache des Essens entstehen lassen?

· Die „Mundraumexpedition“, ein Treffpunkt für Kinder zum experimentellen Kochen und Essen.

· Für die „Kuratierten Abende“ laden wir Künstlerinnen ein, die sich mit Essen beschäftigen, wir reproduzieren historische Arbeiten und laden Kuratorinnen aus unterschiedlichen Disziplinen ein, Arbeiten zu präsentieren und vorzustellen.

Darüber hinaus werden längerfristige Projekte vorbereitet: kulinarische Straßenfeste, Vortragsreihen, Seminare, Ausstellungen und Symposien. Begleitend verfolgen wir unter dem Arbeitstitel „Hybride Plastik“ ein offenes Forschungsprojekt. Wir thematisieren Essen als „Grenzobjekt“ zwischen Alltag, Kunst, Wissenschaft und Politik und fragen wie „Mischmaschprojekte“ gleichermaßen alltäglich, als Kunst, wissenschaftlich und politisch sinnvoll sein können, wie sie zu den jeweiligen Diskursen beitragen und auf vielfältige Weise zugleich interessant sein können

Mit der Einrichtung des Ortes wird eine zugängliche Bibliothek, eine Publikationsreihe, eine Website mit Online-Bibliografie und Verzeichnis gegenwärtiger Kochkunstaktivitäten aufgebaut.

Das offene Labor Essen wird gemeinsam betrieben vom bildenden Künstler Markus Binner, der seit Jahren kollaborativ und forschend mit Essen, Lebensmitteln und deren Produktion vorallem im öffentlichen Raum arbeitet, z.B. mit Asylbewerberinnen, mit Kindern und an Ländergrenzen (markusbinner.de ) und vom Sozialforscher Jan-Peter Voß, der sich als Professor an der TU Berlin mit Kollektivierungsprozessen im Zusammenspiel von Politik, Wissenschaft und Kunst, sowie mit Innovationsprozessen für eine „nachhaltige Entwicklung“ beschäftigt (sp.tu-berlin.de).

Im Beirat von Essen sind die Künstlerin und Professorin Stefanie Bürkle (TU Berlin), der Soziologe Dr. Michael Guggenheim (Goldsmith University, London), die Künstlerin Seraphina Lenz, Berlin, die Ethnologin Dr. Anna Mann (Humboldt Uni, Berlin), Barbara Meyer, Geschäftsführerin JugendKunst- und Kulturhauses Schlesische27, Berlin, Katja Niggmeier, die Teamleitetin des Quartiersmanagments Brunnenviertel, Berlin, die Kunstvermittlerin Prof. Dr. Eva Sturm (Universität Oldenburg) und die Stadtethnologin Dr. Kathrin Wildner (HafenCity Universität Hamburg).

essen-labor.de

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